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| Wie die
USA versuchten (und scheiterten), aus Schlacht um
Algier zu lernen Sechzig Jahre nach der Filmpremiere und 23 Jahre nach der Vorführung im Pentagon sind die Lehren daraus aktueller denn je. Martin Di Caro
Der strenge Colonel Mathieu steht mit verschränkten Armen da Sonnenbrille, Tarnanzug , während nur wenige Meter entfernt Blitzlichter aufleuchten. Die Objektive der Fotografen und Wochenschaukameras sind auf einen in Handschellen gelegten Anführer des Widerstands gerichtet, der neben ihm steht. Ein Offizier bellt: Keine Fotos mehr, als sich einer der Journalisten, die dicht gedrängt im militärischen Lagezentrum sitzen, von seinem Platz erhebt. Monsieur Ben Mhidi, ist es nicht feige, Bomben in den Körben Ihrer Frauen zu transportieren, die so viele unschuldige Menschenleben gefordert haben? Larbi Ben Mhidi, der eine Brille trägt, antwortet kühl: Ist es nicht noch feiger, wehrlose Dörfer mit Napalmbomben anzugreifen, die tausendmal mehr Menschen töten? Natürlich würden Flugzeuge die Sache für uns erleichtern. Geben Sie uns Ihre Bomber, mein Herr, und Sie können unsere Körbe haben. Ein zweiter Reporter fragt: Hat die FLN noch eine Chance, die französische Armee zu besiegen? Die FLN hat eher eine Chance, die französische Armee zu besiegen, als die Franzosen eine Chance haben, den Lauf der Geschichte zu ändern, antwortete Ben Mhidi. Wären die gekränkten französischen Delegierten bei den Filmfestspielen von Venedig vor 60 Jahren mit ihrem Anliegen durchgedrungen, wäre diese bedeutende Szene eines bemerkenswerten Films womöglich nie in die Filmgeschichte eingegangen. Doch die Festivalleitung gab dem Druck nicht nach, und am 10. September 1966 gewann Schlacht um Algier unter der Regie des italienischen Neorealisten Gillo Pontecorvo den prestigeträchtigen Goldenen Löwen. In Frankreich wurde der Film verboten. Lange nach der Hochphase der Dekolonisierung besticht Schlacht um Algier noch immer in körnigem Schwarz-Weiß. Mit nur einem einzigen professionellen Schauspieler im Ensemble engagierte Pontecorvo Hunderte gewöhnlicher Algerier deren Erinnerungen noch frisch waren , um den existenziellen Kampf der Front de Libération Nationale (FLN) gegen die Kolonialherren nachzustellen. Für Saadi Yacef dürfte die Rolle eine Selbstverständlichkeit gewesen sein: Er war der militärische Anführer der FLN in Algier. Dieser Kampf sowohl in der Realität als auch in der Darstellung in Pontecorvos Meisterwerk, das in den engen Gassen der Kasbah gedreht wurde inspirierte nationale Befreiungsbewegungen wie die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und warf zugleich Fragen auf, die auch die heutige Welt beschäftigen. Wann ist bewaffneter Widerstand legitim? Wann wird aus Widerstand Terrorismus? Kann Folter jemals gerechtfertigt sein? Warum führen Kolonial- oder Imperialmächte asymmetrische ewige Kriege gegen schwächere, aber hartnäckige Gegner? Unmittelbar nach der Premiere im Sommer 1966 wurde Pontecorvo von französischen Kritikern angegriffen; man warf ihm vor, die Helden der FLN zu romantisieren, obwohl diese viel unschuldiges Blut an den Händen hatten. Die Elite-Fallschirmjäger unter dem fiktiven Oberst Mathieu (einer Kunstfigur, die auf zwei realen Befehlshabern basiert) zerschlugen 1957 rücksichtslos das Terrornetzwerk der FLN in der Kasbah. Doch die Siedler (*les colons*) konnten den Lauf der Geschichte nicht ändern. Die Kolonialherren mussten schließlich den Befürwortern der Dekolonisierung weichen; mit ihrem Abzug aus Algerien im Jahr 1962 endete die 132-jährige französische Herrschaft. Ihre Niederlage war eine Folge der Methoden, mit denen sie den Aufstand niedergeschlagen hatten: Folter und unverhältnismäßige Vergeltungsmaßnahmen. Letztlich gelang es ihnen nicht, den Aufständischen die entschlossen waren, sie aus dem Land zu vertreiben mit Gewalt eine politische Lösung aufzuzwingen. Während die Amerikaner über das Scheitern des globalen Krieges gegen den Terror nachdenken, lohnt es sich, daran zu erinnern, dass die US-Militärführung einst versuchte, aus Pontecorvos Film zu lernen. Als der Irak Ende 2003 im Chaos versank, veranstaltete das Pentagon eine Vorführung von Schlacht um Algier. Ziel war es, so die New York Times, die im Kern des Films liegenden Fragen zu erörtern etwa die problematische, aber verlockende Wirksamkeit brutaler und repressiver Mittel im Kampf gegen im Untergrund agierende Terroristen in Regionen wie Algerien und dem Irak. Die anwesenden Offiziere dürften Pontecorvos erschütternde Darstellung der Folter gesehen haben. Sie werden bemerkt haben, wie sich die französischen Befehlshaber völlig abgestumpft gegenüber zivilen Opfern zu dem scheinbaren Erfolg ihrer Aufstandsbekämpfung gratulierten: Die FLN in Algier ist enthauptet. Wir werden nichts mehr von ihr hören. Dann das dramatische Finale: Massendemonstrationen für die Unabhängigkeit beendeten plötzlich drei Jahre relativer Ruhe. Hunderte von Frauen, die beängstigende rhythmische Schreie ausstießen, stellten sich der französischen Bereitschaftspolizei entgegen. Ein Erzähler verkündet: Noch zwei weitere Jahre des Kampfes lagen vor ihnen. Dann war die algerische Nation geboren. Hat die US-Militärführung die Moral aus Pontecorvos Geschichte verinnerlicht nämlich die Unmöglichkeit, einem fremden Volk den eigenen Willen aufzuzwingen, selbst bei Einsatz überwältigender Feuerkraft? Falls ja, so zeugte das Verhalten des US-Militärs vom Gegenteil und untergrub die Behauptung von Präsident George W. Bush, die USA würden dem Irak auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft helfen. Der Kampf um die Herzen und Köpfe der Iraker war fast schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte. Die Taktik der USA befeuerte den aufkeimenden sunnitischen Aufstand, anstatt ihn im Keim zu ersticken. Die Säuberung von Dörfern und Städten umfasste Hausdurchsuchungen, bei denen häufig die sozialen Normen der Iraker hinsichtlich der Privatsphäre (insbesondere von Frauen und Mädchen) und der Ehre (insbesondere bei Männern) verletzt wurden. Viele Tausend irakische Männer und Jungen wurden vor den Augen ihrer Familien festgenommen und ohne Beweise für ein Fehlverhalten in Internierungslager oder Gefängnisse wie Abu Ghraib gebracht, schrieb der verstorbene Historiker John Tirman 2011 in seiner Studie The Deaths of Others. Etwa 120.000 Iraker wurden inhaftiert. Leisteten Iraker bei den Hausdurchsuchungen auch nur den geringsten Widerstand, konnte es leicht zu Gewalt kommen, so Tirman weiter. Das Vorgehen an sich war gewaltsam. Fotos von Misshandlungen an Häftlingen in Abu Ghraib einem Ort, der unter Saddam als Folter- und Hinrichtungsstätte gedient hatte lösten im April 2004 internationale Empörung aus und stärkten zugleich den Aufstand. Ausländische Dschihadisten strömten in den Irak, um Selbstmordanschläge zu verüben, während die neue, von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad ihrerseits den Bürgerkrieg anheizte. Das Innenministerium, das für die innere Sicherheit des Landes zuständig war, war von schiitischen Todesschwadronen durchsetzt, die Sunniten töteten, merkt Peter Bergen in seinem Buch All the Presidents Wars an. Es dauerte Jahre, bis das Pentagon seinen Kurs änderte. Mithilfe der sunnitischen Awakening-Bewegung (Bewegung des Erwachens), die sich gegen Al-Qaida im Irak wandte, gelang es durch die Truppenaufstockung (Surge) des Pentagons in Kombination mit dem Bau von Betonmauern zur Trennung sunnitischer und schiitischer Viertel, die Gewalt drastisch zu reduzieren. Doch Bergen kommt zu dem Schluss: Der Surge heilte die politischen Wunden im Irak nicht Frieden ließ sich nicht allein durch Töten erzwingen. Auch die Franzosen glaubten, den Kampf gewonnen zu haben. In Wirklichkeit korrumpierten sie sich selbst, demütigten ihre Nation und verloren den Krieg. Als Berichte über Übergriffe in Algerien Folter, Verschwindenlassen von Personen, willkürliche Bombenanschläge der Polizei nach Frankreich drangen, kippte die öffentliche Stimmung. Was im Algerienkrieg wahrscheinlich mehr als jeder andere einzelne Faktor zur endgültigen Niederlage Frankreichs führte, war die Erkenntnis in Frankreich und der übrigen Welt, dass Verhörmethoden angewandt wurden, wie sie bereits während der Nazi-Besatzung verurteilt worden waren, schrieb der Historiker Alistair Horne im Vorwort zur Ausgabe seines Standardwerks A Savage War of Peace aus dem Jahr 2006. Der Autor sandte ein Exemplar an den damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, um ihn vor den verheerenden Folgen der Folter zu warnen doch ohne Erfolg. Kein Vergleich ist perfekt. Die Franzosen vergossen Blut in der Absicht, für immer in Algerien zu bleiben. Die Vereinigten Staaten hingegen planten, irgendwann heimzukehren und einen stabilen, demokratischen Irak zu hinterlassen. Dieser Plan ging nicht auf. Washington ignoriert weiterhin die Lehren, die der Film Schlacht um Algier so eindringlich vermittelt sei es durch die Unterstützung der israelischen Brutalität im Gazastreifen oder durch den Versuch, den Iran mittels Bombenangriffen in die Knie zu zwingen. Währenddessen ernten israelische Dokumentarfilmer auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig ganz in der Tradition von Gillo Pontecorvo minutenlangen Applaus im Stehen, während sie versuchen, das Gewissen ihrer Landsleute wachzurütteln. Wo bleibt der amerikanische Pontecorvo? |
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| erschienen am 15. September 2026 auf > RESPONSIBLE STATECRAFT > Artikel | |||
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