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Astore warnt vor Dolchstoßlegenden Es ist nie die Schuld der Generäle William Astore
Bereits 2007 behauptete Senator John McCain, dass eine Niederlage der USA im Irakkrieg nicht die Schuld des Militärs gewesen sei. Vielmehr trügen die Kriegsgegner die Schuld, die eine unentschlossene und letztlich illoyale Front im Inland gebildet hätten. Ähnliche Behauptungen wurden im Vietnamkrieg aufgestellt. Der Mythos hält sich hartnäckig, dass das US-Militär 1969 die Oberhand gehabt, den Sieg aber aufgrund einer zerstrittenen Heimatfront verspielt habe. Kurz gesagt: Es ist nie die Schuld der Generäle; sie hätten zusammen mit den Truppen alles gegeben, während verräterische Elemente im Inland gegen sie intrigiert hätten und ihnen in den Rücken gefallen seien. Solche Mythen sind weit verbreitet, weil sie mit der vollen Macht staatlicher Propaganda geschürt werden. Der wohl berüchtigste Dolchstoß-Mythos ist mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg verbunden. Die meisten deutschen Generäle weigerten sich, die Verantwortung für die Niederlage zu übernehmen, doch irgendjemand musste die Schuld tragen. Wer sonst als illoyale Elemente in der Heimat? Vor allem jene, die gegen brutale, mörderische Kriegsführung predigten? Auch heute noch hat kein US-amerikanischer General die Verantwortung für die Niederlagen im Irak und in Afghanistan übernommen (wobei diese Kriege von vornherein weder zu gewinnen noch moralisch zu rechtfertigen waren). Im Nachhinein werden die Lügen über Massenvernichtungswaffen aufgedeckt, die Lügen über angebliche Wendepunkte und Hoffnungsschimmer, doch wieder wird kein General zur Rechenschaft gezogen, ebenso wenig wie hochrangige zivile Politiker wie Donald Rumsfeld oder Dick Cheney. Alles wird unter den Teppich gekehrt, bis zum nächsten Krieg, während gleichzeitig behauptet wird, wir hätten Vietnam, den Irak oder Afghanistan durchaus gewinnen können. Wie dem auch sei, einst schrieb ich den folgenden Eintrag über die Dolchstoß-Legende für eine Enzyklopädie. Wir müssen uns stets vor diesen Dolchstoßlegenden hüten.
Dolchstoßlegende
Die verführerische, aber irreführende und verlogene Legende, verbreitet von Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff und anderen hohen Offizieren, besagte, dass sozialistische Verschwörer, Simulanten und Defätisten in der Heimat die deutsche Armee verraten hätten, die im Sommer und Herbst 1918 unbesiegt und ungebrochen geblieben war. Anstatt zuzugeben, dass die deutschen Soldaten Löwen waren, die von Eseln geführt wurden, behaupteten Hindenburg und Ludendorff in ihren eigennützigen Nachkriegsmemoiren, die Soldaten seien Löwen gewesen, die von Schakalen in der Heimat gefressen wurden. Die Dolchstoßlegende, die von der deutschen völkischen Rechten begeistert aufgenommen wurde, tröstete deutsche Soldaten, allen voran Adolf Hitler, deren Autorität und Ansehen in der Gesellschaft nach November 1918 rapide sanken. Die Realität sah anders aus. Nach Ludendorffs taktisch innovativen, aber strategisch gescheiterten Frühjahrsoffensiven von 1918 sah sich die deutsche Armee mit einem deutlich größeren Verteidigungsgebiet und einer wesentlich geschlosseneren, wenn auch noch immer gelegentlich zerstrittenen alliierten Führung unter Ferdinand Foch konfrontiert. Diese führte koordinierte Operationen der verbundenen Streitkräfte, unterstützt von frischen amerikanischen Divisionen. In dieser im Wesentlichen immer noch von Abnutzung geprägten Schlacht mit begrenzter Bewegungsfreiheit hatte Deutschland bis August 1918 die Materialschlacht an der Westfront verloren. Zusätzlich schwächte die Grippeepidemie, die bis Juli fast 1,75 Millionen Soldaten befiel. Zusammen mit den unerträglichen Verlusten an der Westfront (fast eine Million Gefallene und Verwundete zwischen März und Juli) setzte die Epidemie die ohnehin schon angeschlagene Armee zusätzlich unter Druck. Die Unzufriedenheit breitete sich rasch in den Reihen aus, verstärkt durch eine alliierte Wirtschaftsblockade, die auch im Inland große Not verursachte. Krankheit, Tod, Trauer und Hunger nicht die Machenschaften elender Novemberverbrecher, wie Hitler später behauptete brachten Soldaten wie auch die Bevölkerung der Heimatfront dazu, sich vom Krieg abzuwenden. Doch die Dolchstoßlegende erwies sich gerade deshalb als überzeugend, weil die Propagandamaschinerie des Zweiten Reiches bis Oktober 1918 weiterhin Hoffnung auf einen endgültigen deutschen Sieg schürte. Als der Zusammenbruch kam, war das deutsche Volk psychisch nicht auf die Niederlage vorbereitet. In ihrem kollektiven Schock suchten viele Deutsche nach Sündenböcken, um die furchtbaren Opfer ihrer Angehörigen in den vorangegangenen vier Jahren zumindest teilweise wiedergutzumachen. Kollektives Vergessen übte eine besondere Anziehungskraft auf Nationalisten mit rechter Ausrichtung aus. Deutsche Generäle vergaßen, dass sie vor dem Waffenstillstand kaum mehr als ein Dutzend kampfbereite Divisionen zählten. Verärgerte Offiziere verdrängten die Erinnerung daran, wie einfache Soldaten ihre Abzeichen abgerissen und stattdessen behauptet hatten, Bolschewiki, Kriegsgewinnler und andere kriminelle Elemente hätten sie entehrt. Für Veteranen war es weitaus tröstlicher und beruhigender, die Legende zu akzeptieren, bolschewistische Agitatoren und feige, einmischende Weicheier hätten ihre Anstrengungen verraten und entehrt, als sich den schmerzhaften Erinnerungen an die deutsche militärische Erschöpfung und strategische Unfähigkeit zu stellen. 1928 war die Dolchstoßlegende ein zentrales Thema der nationalsozialistischen Propaganda, und die Juden wurden in die Liste der Verbrecher aufgenommen, die angeblich die Opfer der Soldaten an der Front verraten und entehrt hatten. Als die Soldaten versuchten, die Autorität und den Respekt zurückzuerlangen, die ihnen ihrer Meinung nach zustanden, unterstützten sie Demagogen wie Hitler, die ihnen nach dem Mund redeten. Die eigentliche Tragödie der Dolchstoßlegende bestand darin, dass sie eine neue Generation deutscher Soldaten dazu ermutigte, einem verbrecherischen Naziregime zu dienen, was in einer noch größeren militärischen und moralischen Götterdämmerung endete. |
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| erschienen am 7. Februar 2026 auf > Antiwar.com > Artikel, Original auf Bill Astore´s > BRACING VIEWS | ||||||||||||||
| Archiv > Artikel von William Astore auf antikrieg.com | ||||||||||||||
| William J. Astore ist Oberstleutnant im Ruhestand (USAF), Geschichteprofessor und Senior Fellow des Eisenhower Media Network (EMN), einer Organisation kritischer Veteranen aus den Bereichen Militär und nationale Sicherheit. | ||||||||||||||
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