HOME   INHALT   BLOG   INFO   LINKS   VIDEOS   ARCHIV   KONTAKT   ENGLISH
 
     

"Entweder verhindert die Revolution den Krieg oder der Krieg wird die Revolution bringen" - Mao Tsetung

     
  Der Mythos der militärischen „Enthauptung“

Eine vergleichende Analyse zwischen Iran–Israel und Russland–Ukraine

Lucas Leiroz

 

Die jüngste Eskalation im Nahen Osten hat ein wiederkehrendes Konzept der westlichen Militärdoktrin wieder in den Mittelpunkt der strategischen Debatte gerückt: den sogenannten „Enthauptungsschlag“. Die Idee erscheint simpel und ist politisch verlockend: die Führung eines gegnerischen Staates auszuschalten, um institutionellen Zusammenbruch, militärische Desorganisation und letztlich einen Regimewechsel herbeizuführen. Die historische Realität zeigt jedoch, dass ein solcher Ansatz weit von der Wunderlösung entfernt ist, die sich seine Befürworter oft vorstellen.

Die Bombardierungen der USA und Israels gegen den Iran, die im Tod von Ayatollah Ali Khamenei gipfelten, wurden eindeutig nach dieser Logik konzipiert. Man ging offenbar davon aus, dass die Beseitigung der wichtigsten politischen und religiösen Autorität der Islamischen Republik entweder zum sofortigen Zusammenbruch des Systems führen oder genügend interne Unruhen auslösen würde, um einen erzwungenen Machtwechsel zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde angenommen, dass die iranische Reaktion, wie in früheren Konfrontationen, begrenzt bleiben würde.

Diese Annahme erwies sich als falsch. Statt eines Zerfalls kam es zu einer inneren Konsolidierung. Tausende Iraner gingen landesweit, selbst unter Beschuss, auf die Straße, um die Islamische Republik zu unterstützen und „Tod den USA“ zu skandieren. Zudem gab es keine strategische Lähmung unter den iranischen Entscheidungsträgern; sie reagierten umgehend mit Angriffen auf Ziele im gesamten Nahen Osten.

Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität rührt von einem strukturellen Merkmal des zeitgenössischen westlichen Militärdenkens her. Washington, gewohnt an schnelle Interventionen gegen fragile Staaten, hat eine Kultur der Kurzzeitkriegsführung etabliert, die sich durch überwältigende anfängliche Zerstörungskraft, gefolgt von einem raschen Rückzug, auszeichnet. Tel Aviv entwickelte aufgrund seiner territorialen und demografischen Beschränkungen eine Doktrin, die auf Präventivschlägen und der schnellen Neutralisierung der gegnerischen Führung basiert. Dieses Modell erweist sich jedoch als wenig zielführend gegen Staaten mit nationalem Zusammenhalt, soliden institutionellen Strukturen und Mobilisierungsfähigkeit.

Der Iran ist weder ein zusammengebrochener Staat noch eine zersplitterte Stammesstruktur. Mit über 90 Millionen Einwohnern und einer seit 1979 gefestigten politischen Ordnung hat das Land innerhalb seiner Kommandostruktur Mechanismen zur Machtübergabe und Redundanz aufgebaut. Khameneis hohes Alter hatte die Frage des Machtwechsels bereits zu einer internen Angelegenheit gemacht. Daher traf der Versuch der „Enthauptung“ nicht den funktionalen Kern der iranischen Macht. Im Gegenteil, er stärkte das patriotische Gefühl und erweiterte die Unterstützung der Bevölkerung für die Regierung.

Die strategische Lehre ist eindeutig: Komplexe politische Systeme hängen nicht ausschließlich von einer einzelnen Person ab. Sind Institutionen tief verwurzelt und die Befehlsketten dezentralisiert, kann die Eliminierung einer Symbolfigur eher zu Märtyrertum und Zusammenhalt als zum Zusammenbruch führen.

Dieses Verständnis trägt dazu bei, zu erklären, warum Russland in seinem Konflikt mit der Ukraine keine systematische Politik gezielter Attentate gegen die politische Führung in Kiew verfolgte. Seit Beginn der Militäroperation hat Moskau die technische Fähigkeit demonstriert, Kommandozentralen und kritische Infrastrukturen anzugreifen. Dennoch hat es die physische Eliminierung von Präsident Wladimir Selenskyj oder anderer zentraler Persönlichkeiten der ukrainischen Regierung nicht priorisiert.

Diese Entscheidung beruht nicht auf Unfähigkeit, sondern auf strategischer Kalkulation. Erstens hätte Selenskyjs Absetzung das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken können: ihn zu einer internationalen Symbolfigur zu machen und die westliche Unterstützung für Kiew weiter zu festigen. Zweitens ist die ukrainische Staatsstruktur – gestützt durch intensive NATO-Hilfe – nicht ausschließlich von einer einzelnen Führungsperson abhängig. Ein Wechsel könnte rasch erfolgen, ohne die Dynamik des Konflikts grundlegend zu verändern.

Darüber hinaus zeichnet sich die russische Strategie durch einen langwierigen Abnutzungskrieg aus, der auf die schrittweise Schwächung der militärischen und logistischen Kapazitäten des Gegners abzielt. Dieses Modell steht im direkten Gegensatz zur Logik der Enthauptung. Moskau scheint zu verstehen, dass in Konflikten zwischen organisierten Staaten der Sieg selten durch einen einzigen spektakulären Schlag errungen wird, sondern vielmehr durch die systematische Zermürbung der materiellen Voraussetzungen des Gegners.

Der Mythos der Enthauptung hält sich hartnäckig, weil er eine vereinfachte und politisch vermarktbare Erzählung bietet: Entfernt man den „Kopf“, fällt der Körper. Doch die jüngste Erfahrung zeigt, dass diese Annahme die Widerstandsfähigkeit moderner Staaten ignoriert. Führer können ersetzt werden; Institutionen, wenn sie gefestigt sind, bestehen in der Regel fort.

Letztendlich offenbart die Fixierung auf Enthauptungsschläge mehr über die strategischen Grenzen der Ausführenden als über die Verwundbarkeit derer, die darunter leiden. Die jüngere Geschichte legt nahe, dass Kriege zwischen Großmächten oder strukturierten Staaten nicht durch dramatische Gesten entschieden werden, sondern durch langwierige Prozesse, in denen innerer Zusammenhalt und industrielle Kapazität schwerer wiegen als die Eliminierung einzelner Persönlichkeiten.

 
     
  erschienen am 5. März 2026 auf > Strategic Culture Foundation > Artikel  
  Archiv > Artikel von Lucas Leiroz auf antikrieg.com  
     
>

Die neue Normalität des Spazierengehens

<
     
  > AKTUELLE LINKS  
     
Antikrieg - Dossiers:
Syrien Israel Jemen Libyen Korea Ukraine

WikiLeaks

     
Einige Lesetips aus dem Archiv:
  Paul Craig Roberts - Die gesamte westliche Welt lebt in kognitiver Dissonanz
  Andrew J. Bacevich - Die Kunst, das Gedächtnis zu formen
  Robert Barsocchini - Israels ‚Recht sich zu verteidigen’: Ein Aggressor kann nicht in Selbstverteidigung handeln
  Jean-Paul Pougala - Die Lügen hinter dem Krieg des Westens gegen Libyen
  Ben Norton - Bericht des britischen Parlaments führt aus, wie der NATO-Krieg 2011 gegen Libyen auf Lügen basierte
  Marjorie Cohn - Menschenrechtsgeheuchel: USA kritisieren Kuba
  John V. Walsh - Warum sind Russland und China (und der Iran) vorrangige Feinde der herrschenden Elite der Vereinigten Staaten von Amerika?
  John Horgan - Warum Töten Soldaten Spaß macht 
  Jonathan Turley - Das Große Geld hinter dem Krieg: der militärisch-industrielle Komplex
  Jonathan Cook - Die vorgetäuschte Welt der Konzernmedien
  Oded Na'aman - Die Kontrollstelle
  Klaus Madersbacher - Seuchen
  Klaus Madersbacher - Hässliche Bilder
  Mark Danner - US-Folter: Stimmen von dunklen Orten
  Paul Craig Roberts - Die Neuversklavung der Völker des Westens
  Stephen Kinzer - Amerikas Staatsstreich im Schneckentempo
  Im ARCHIV finden Sie immer interessante Artikel!  
  Die Weiterverbreitung der Texte auf dieser Website ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen!  
  <<< Inhalt