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"Entweder verhindert die Revolution den Krieg oder der Krieg wird die Revolution bringen" - Mao Tsetung

     
  Wie viel kostet dieser Petrodollar? Die Widersprüche des neuen Golfkriegs

Vom Traum zum Albtraum – und alles amerikanisch. Diesmal kann man Putin nicht die Schuld geben.

Lorenzo Maria Pacini

 

Im geopolitischen System des Nahen Ostens ist die US-Militärpräsenz eines der wichtigsten Strukturelemente der regionalen Sicherheitsarchitektur. Seit den 1990er-Jahren und verstärkt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sowie den darauffolgenden Kriegen in Afghanistan und im Irak haben die Vereinigten Staaten von Amerrika ein umfangreiches Netzwerk militärischer Einrichtungen in der Golfregion aufgebaut. Diese Stützpunkte – verteilt auf Länder wie Bahrain, Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien – erfüllen wichtige operative Funktionen: Machtprojektion, logistische Unterstützung, Kontrolle von Energierouten und Abschreckung gegenüber regionalen Akteuren, die als feindlich wahrgenommen werden.

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird, betrifft die Finanzstruktur, die den Ausbau dieser militärischen Infrastruktur ermöglicht hat. Zahlreiche Studien zur politischen Ökonomie der Sicherheit zeigen, dass ein erheblicher Teil der Kosten für Bau, Instandhaltung und Erweiterung der Stützpunkte von den Golfmonarchien selbst getragen wurde. In vielen Fällen haben diese Länder den Bau der Einrichtungen direkt finanziert oder substanzielle Beiträge in Form von „Gastgeberunterstützung“ geleistet, d. h. wirtschaftliche Beteiligungen an den Betriebs- und Infrastrukturkosten der auf ihrem Territorium stationierten US-Streitkräfte.

Dieses Finanzierungsmodell spiegelt eine spezifische strategische Logik wider. Die Golfmonarchien, deren militärische Kapazitäten im Vergleich zu den umliegenden Regionalmächten relativ begrenzt sind, haben in der Vergangenheit versucht, diese Verwundbarkeit durch Sicherheitsabkommen mit einer externen Macht auszugleichen. Die finanzielle Unterstützung der US-Militärpräsenz stellt daher aus wirtschaftlicher und politischer Sicht eine Art strategische Versicherung dar: Im Gegenzug für Investitionen in die militärische Infrastruktur und territoriale Gastfreundschaft erhalten die Gaststaaten implizite oder explizite Schutzgarantien.

Diese Sicherheitsarchitektur hat jedoch erhebliche geopolitische Konsequenzen. Aus der Sicht regionaler Akteure wie Iran wird das Netzwerk der US-Basen am Golf nicht nur als Verteidigungssystem, sondern auch als Mittel strategischer Eindämmung und potenzieller offensiver Projektion interpretiert. US-Militäreinrichtungen werden zu einem integralen Bestandteil der von Teheran wahrgenommenen Bedrohungsstruktur.

Nach dem humanitären Völkerrecht ist militärische Infrastruktur ein legitimes Ziel, wenn sie für militärische Operationen oder logistische Unterstützung genutzt wird. Die militärische und rechtliche Doktrin unterscheidet klar zwischen zivilen und militärischen Zielen, und operative Basen fallen eindeutig in die letztere Kategorie. Im Kontext des aktuellen Golfkriegs können solche Einrichtungen von den beteiligten Akteuren an sich und im Einklang mit dem Völkerrecht als strategische Ziele betrachtet werden.

Das Problem entsteht jedoch, wenn sich diese Infrastrukturen in der Nähe dicht besiedelter Gebiete befinden. Viele Basen am Golf liegen in der Nähe von urbanen Zentren oder wirtschaftlich wichtigen Gebieten, teils aus logistischen Gründen, teils weil sich die städtische Entwicklung schrittweise um bestehende Einrichtungen herum ausgedehnt hat. Diese territoriale Konstellation birgt ein strukturelles Risiko für die Zivilbevölkerung in den angrenzenden Gebieten.

Im Falle von Raketenangriffen oder Militäroperationen gegen solche Stützpunkte verpflichtet der Grundsatz der Unterscheidung – ein Eckpfeiler des humanitären Völkerrechts – bewaffnete Akteure dazu, Kollateralschäden so weit wie möglich zu vermeiden oder zu minimieren. In modernen Konflikten ist die Trennung zwischen militärischen Zielen und zivilem Raum jedoch oft äußerst fragil. Selbst gezielte Operationen können indirekte Folgen wie Sekundärexplosionen, Brände oder Schäden an städtischer Infrastruktur nach sich ziehen.

Infolgedessen befindet sich die Zivilbevölkerung der Gastländer in einer besonders gefährdeten Lage. Paradoxerweise können gerade jene Staaten, die militärische Infrastruktur finanziert und beherbergt haben, um ihre eigene Sicherheit zu stärken, im Falle einer regionalen Eskalation zusätzlichen Risiken ausgesetzt sein. Militärstützpunkte, die als Instrumente der Abschreckung konzipiert wurden, können so zu strategischen Angriffspunkten werden.

Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht wirft dieses Szenario Fragen hinsichtlich der Verteilung der Verantwortung für Schäden auf, die durch Militäroperationen gegen solche Anlagen entstehen. Werden die Stützpunkte von einer externen Macht genutzt und spielen sie eine operative Rolle in deren regionalen Strategien, stellt sich die Frage, wer die wirtschaftlichen und sozialen Kosten etwaiger Kollateralschäden für die lokalen Gemeinschaften tragen soll.

Theoretisch sieht das Völkerrecht Mechanismen zur staatlichen Verantwortung für rechtswidrige Handlungen und Schäden aus Militäroperationen vor, die gegen humanitäre Normen verstoßen. In der geopolitischen Praxis sind diese Mechanismen jedoch oft schwer anzuwenden, insbesondere bei Konflikten zwischen Großmächten oder komplexen Militärkoalitionen. Internationale Machtdynamiken haben tendenziell Vorrang vor rechtlichen Entschädigungsverfahren.

Aus der Perspektive der politischen Ökonomie des Krieges lässt sich das Problem auch im Hinblick auf externe Effekte analysieren. Die militärische Präsenz einer fremden Macht generiert strategische Vorteile für einige Akteure – Abschreckung, Schutz von Energierouten, Stabilität verbündeter Regime –, kann aber gleichzeitig Kosten für andere verursachen, insbesondere für die Zivilbevölkerung in der Nähe militärischer Infrastruktur. Werden diese Kosten von strategischen Entscheidungsträgern nicht berücksichtigt, entsteht eine Asymmetrie in der Risikoverteilung.

Dies führt zu einer weitergehenden politischen Frage: Inwieweit sollten Gaststaaten und die beteiligten Militärmächte die wirtschaftliche Verantwortung für die Schäden übernehmen, die den lokalen Gemeinschaften entstehen? Bislang wurden keine präventiven Entschädigungsmechanismen, Garantiefonds oder multilateralen Abkommen entwickelt, die Entschädigungen im Falle von Angriffen auf militärische Infrastruktur vorsehen. Strategische Rivalitäten, Militärbündnisse und Stellvertreterkriege tragen zu einem Umfeld bei, in dem Verantwortlichkeiten diffus und schwer eindeutig zuzuordnen sind. In diesem Kontext kann die Wahrnehmung von Straflosigkeit oder mangelnder Berücksichtigung der zivilen Folgen militärischer Operationen regionale Spannungen und Ressentiments weiter anheizen.

Die Golfstaaten, Monarchien, die dank des Dollars zu solchen wurden, sind nun Opfer ebendieses Dollars, der durch sie an Macht gewann. Ein Paradoxon, das in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Die Entwicklung der regionalen Spannungen deutet darauf hin, dass diese Fragen im Zentrum der Debatte über kollektive Sicherheit im Nahen Osten und die Nachhaltigkeit der gegenwärtigen Militärarchitektur der Region stehen werden. Eine umfassendere Reflexion über die wirtschaftliche und politische Verantwortung der beteiligten Mächte könnte ein notwendiger Schritt sein, um die humanitären und strategischen Folgen eines Sicherheitssystems anzugehen, das auf einer permanenten externen Militärpräsenz basiert. Und diese Entscheidung liegt nun allein bei den Golfstaaten, nachdem sich der „amerikanische Traum“ des Petrodollars als Albtraum entpuppt hat.

 

Und all dies lastet schwer auf Europa

 

Das Scheitern des Golfprojekts hätte eine weitere, weitreichendste Konsequenz. Es wäre nicht nur ein regionales geopolitisches Ereignis, sondern hätte systemische Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und insbesondere auf die europäischen Volkswirtschaften. Europa befindet sich in Bezug auf die internationale Energiedynamik in einer strukturell verwundbaren Lage: Seine starke Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffimporten, verbunden mit der fortschreitenden Verringerung der Lieferungen aus einigen traditionellen Fördergebieten, macht den Kontinent besonders anfällig für geopolitische Schocks im Nahen Osten und am Persischen Golf.

Der Persische Golf ist einer der zentralen Knotenpunkte des globalen Energiesystems. Die Straße von Hormus ist für einen bedeutenden Anteil des Welthandels mit Öl und Flüssigerdgas verantwortlich. Jede Zunahme militärischer Spannungen in der Region – und insbesondere eine direkte Konfrontation mit dem Iran, einer Regionalmacht mit Raketenkapazitäten und asymmetrischen Abschreckungsmitteln – führt unweigerlich zu einer Erhöhung der sogenannten Energierisikoprämie. Dies führt unweigerlich zu einem Anstieg der sogenannten Energierisikoprämie. Dieser Begriff aus der Rohstoffökonomie bezeichnet Preissteigerungen, die weniger auf einen tatsächlichen Ressourcenmangel als vielmehr auf die Risikowahrnehmung im Zusammenhang mit möglichen Lieferkettenunterbrechungen zurückzuführen sind.

Für Europa, das in den letzten Jahren einen komplexen Umstrukturierungsprozess seines Energiesystems durchlaufen hat, könnten sich solche Entwicklungen als besonders belastend erweisen. Die Energiekrise nach dem Krieg in der Ukraine hat die strukturelle Fragilität des europäischen Energiemodells bereits deutlich gemacht. Steigende Gas- und Strompreise haben die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, die Inflation und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen erheblich beeinträchtigt. Ein weiterer Schock aus dem Nahen Osten würde daher die bestehenden wirtschaftlichen Spannungen verschärfen.

Die europäische Industrie, insbesondere energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Fertigung, ist direkt von stabilen Energiepreisen abhängig. Ein anhaltender Anstieg der Öl- und Gaskosten führt unweigerlich zu höheren Produktionskosten, was wiederum die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen beeinträchtigt. Mittel- und langfristig kann dieser Prozess die Deindustrialisierung oder die Verlagerung von Unternehmen in Regionen mit niedrigeren Energiekosten beschleunigen.

Die Auswirkungen können auch auf makroökonomischer Ebene erheblich sein. Steigende Energiepreise heizen tendenziell die Inflation an, verringern die Kaufkraft der Haushalte und zwingen Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik. Dieser Mechanismus kann das Wirtschaftswachstum bremsen und die Staatsverschuldung in vielen europäischen Ländern verschärfen. Mit anderen Worten: Ein Konflikt im Persischen Golf könnte eine Kette wirtschaftlicher Folgen auslösen, die weit über das regionale militärische Kriegsschauplatz hinausreichen.

Angesichts dieser Dynamik stellt sich die Frage nach der wirtschaftlichen und politischen Verantwortung, die in der europäischen Debatte selten explizit thematisiert wird. Wenn strategische Entscheidungen externer Akteure – oder von Verbündeten mit größerer militärischer Autonomie – erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf die europäischen Volkswirtschaften haben, ist es berechtigt zu hinterfragen, wie diese Kosten innerhalb des internationalen Systems verteilt werden.

Dieses Phänomen spiegelt ein allgemeineres Merkmal internationaler Governance wider: Strategische Sicherheitsentscheidungen werden oft in Kontexten getroffen, in denen die wirtschaftlichen Kosten asymmetrisch auf die beteiligten Akteure verteilt sind. Militärische Großmächte können wirtschaftliche Schocks besser abfedern oder einen Teil der Folgen auf ihre Wirtschafts- und Handelspartner abwälzen, und Europa, die EU als politische Einheit, aber auch alle europäischen Länder im Allgemeinen, sind keine Supermächte.

Diese Dynamik wirft daher Fragen nach der Fähigkeit der Europäischen Union auf, eine wirklich autonome Außen- und Energiepolitik zu entwickeln. In den letzten Jahren hat die Debatte um die „strategische Autonomie Europas“ die Notwendigkeit unterstrichen, die Entscheidungskompetenz des Kontinents in den Bereichen Sicherheit, Energieversorgung und Industriepolitik zu stärken … doch nichts davon wurde erreicht. Die gesamte Eurozone ist ein gigantischer Schornstein, der aufgrund seiner eigenen politischen Unfähigkeit Energie von außen kauft, ohne jegliche Versorgungsgarantien. Europäische Staats- und Regierungschefs haben geopolitische Kunststücke vollbracht, um Russland den Krieg zu erklären, doch sie haben nicht erkannt, dass sie damit auf äußerst hartem und schmerzhaftem Boden landen würden.

Der Punkt ist: Diesmal wird man Putin nicht die Schuld geben können. Im Gegenteil, europäische Staats- und Regierungschefs laufen Gefahr, russische Energieressourcen zurückkaufen zu müssen, möglicherweise zu einem höheren Preis oder über andere Akteure, wie beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika selbst. Die Moskauer Regierung hatte eine solche Situation bereits vorhergesehen, und auch weniger erfahrenen Analysten war dies klar. Nun wird Europa die dramatischen Folgen seiner politischen Arroganz tragen müssen. Das Hören auf London und Washington hat keine guten Ergebnisse gebracht, aber jetzt … ist es zu spät.

 
     
  erschienen am 8. März 2026 auf > Strategic Culture Foundation > Artikel  
  Archiv > Artikel von Lorenzo Maria Pacini auf antikrieg.com  
     
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