HOME   INHALT   BLOG   INFO   LINKS   VIDEOS   ARCHIV   KONTAKT   ENGLISH
 
     

"Entweder verhindert die Revolution den Krieg oder der Krieg wird die Revolution bringen" - Mao Tsetung

     
  Israels erneuter Krieg gegen den Libanon ist mehr als nur ein Kampf gegen die Hisbollah

Nachdem Israel den „Waffenstillstand“ bereits 10.000 Mal gebrochen hat, bombardiert es den Libanon erneut. Israels Ambitionen treiben seine anhaltende Kriegslust immer weiter an.

Elia Ayoub

 

Am Morgen des 2. März wachte ich mit etwa einem Dutzend Nachrichten von Freunden auf: Raketen waren vom Libanon auf Israel abgefeuert worden.

Die Nachricht traf mich völlig unerwartet. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, dass die Hisbollah nicht riskieren würde, Israel den Vorwand zu liefern, auf den es so lange gewartet hatte, um seinen Großangriff auf den Libanon wieder aufzunehmen. Doch genau das geschah, und was seither folgte, war völlig vorhersehbar und noch schlimmer, als ich es mir je hätte ausmalen können. 

Das Ausmaß der israelischen Reaktion wurde fast sofort deutlich. Am 4. März ordnete die israelische Armee die Evakuierung des gesamten Gebiets südlich des Litani-Flusses an – ähnlich der sogenannten „Sicherheitszone“, die sie zwischen 1982 und 2000 besetzt hielt und in deren Mitte die Hisbollah erstmals in Erscheinung trat.

Einen Tag später folgte ein weiterer umfassender Befehl: die Evakuierung von Dahiyeh, den südlichen Vororten Beiruts. Dort entwickelte das israelische Militär während des Krieges 2006 seine berüchtigte „Dahiyeh-Doktrin“ – die großflächige Zerstörung ziviler Infrastruktur, um die Bevölkerung gegen die eigene Regierung aufzubringen. Seitdem wurden weitere Evakuierungsanordnungen für Teile des Bekaa-Tals und andere Gebiete erlassen.

Während ich dies schreibe, sitzt meine Freundin Lara* in Beirut in ihrer Badewanne, dem fensterfernsten Ort ihrer Wohnung. Sie wohnt in der Nähe von Dahiyeh; ihr Haus liegt fast genau an der Grenze der vom israelischen Militär veröffentlichten Evakuierungskarte. Es ist bekannt, dass israelische Bomben auch außerhalb dieser Linien fallen, aber Lara hat keine andere Wahl.

Eine andere Freundin, Mona, die im Ausland lebt, ist seit einer Woche ununterbrochen am Telefon; ihre Schwester sitzt mit ihren beiden Kindern in Sidon fest, nördlich des Litani, aber immer noch unter Beschuss. Eine dritte Freundin, Sarah, verspürt ein seltsames Schuldgefühl, weil ihre Wohnung in der Nähe einer westlichen Botschaft liegt und sie daher – so hofft sie – weniger wahrscheinlich Ziel eines Angriffs wird. Deshalb verbringt sie ihre Tage damit, bei Spendenaktionen zu helfen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels haben Israels Angriffe im Libanon 570 Menschen getötet, über 1.400 verletzt und fast 800.000 vertrieben. Human Rights Watch berichtete, dass die israelische Luftwaffe nach einer mehr als einjährigen Pause wieder rechtswidrig Weißphosphormunition über Wohngebieten einsetzt. Doch so düster die aktuelle Eskalation auch ist, für viele Libanesen war sie seit Monaten absehbar.

 

Ein fragiles Gleichgewicht

 

Diese jüngste Phase des Krieges beginnt über ein Jahr nach dem sogenannten Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah, der am 27. November 2024 in Kraft trat – und den Israel laut der UN-Interimstruppe im Libanon (UNIFIL) mindestens 10.000 Mal gebrochen hat. Die Verstöße waren so alltäglich, dass ich israelische Waffenstillstände als „Ihr hört auf, wir schießen“ bezeichnet habe.

Im Laufe der Zeit führte der Waffenstillstand zu einer Art normalisiertem Schauplatz von Tod und Zerstörung. Die Menschen lernten, welche Gebiete relativ „sicher“ waren und welche nicht. Trotz gelegentlicher israelischer Angriffe außerhalb der üblichen Ziele nahm der Krieg eine zynische Vorhersehbarkeit an – etwas, das für eine verzweifelte Bevölkerung beinahe Stabilität bedeutete.

Es genügte ein einziger Raketenangriff der Hisbollah in der vergangenen Woche, um dieses fragile Gleichgewicht zum Einsturz zu bringen. Doch viele im Libanon vermuteten, dass diese Eskalation unvermeidlich gewesen wäre, unabhängig davon, was die Hisbollah tat oder nicht tat; Israel wartete nur auf einen passenden Vorwand.

Israelische Politiker haben ihrerseits wenig getan, um diese Verdächtigungen zu zerstreuen. Schon vor dem 7. Oktober drohten Beamte dem Libanon offen: Im August 2023 drohte der damalige Verteidigungsminister Yoav Gallant – der seit November 2024 vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird –, den Libanon „zurück in die Steinzeit“ zu schicken. Dies verschärfte sich nach Beginn des israelischen Völkermords im Gazastreifen, als der Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, im September 2024 erklärte, der Libanon „erfülle nicht die Definition eines Staates“ und die gesamte schiitische Bevölkerung des Landes als „feindselig“ bezeichnete.

Diesmal sind die Äußerungen offen genozidal. Letzte Woche warnte Finanzminister Bezalel Smotrich, dass Dahiyeh „sehr bald Khan Younis ähneln“ werde, und bezog sich damit auf die Stadt im südlichen Gazastreifen, die durch israelische Luftangriffe und Bulldozer nahezu dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Am 11. März forderte Tzvi Sukkot, ein Knesset-Abgeordneter der Partei Smotrichs: „Wir müssen Gebiete im Südlibanon erobern, die Dörfer dort zerstören und das Gebiet dem Staat Israel einverleiben.“ Am selben Tag twitterte Gadi Eisenkot – ehemaliger Generalstabschef der israelischen Armee und eine Schlüsselfigur der israelischen Anti-Netanjahu-„Opposition“ –: „Die Dahiyeh-Doktrin ist aktueller denn je und muss umgesetzt werden.“

Solche Aussagen gehen einher mit immer dreisteren Aktionen der israelischen Siedlerbewegung. Für Libanesen, die die Ereignisse jenseits der Grenze verfolgen, klingt die Vorstellung, dass Teile ihres Landes eines Tages von Israel annektiert oder besiedelt werden könnten, nicht länger nach einer Randerscheinung.

Wenige Wochen vor dieser Eskalation überquerten israelische Siedler – darunter auch Kinder – unter israelischem Militärschutz die Grenze zum Südlibanon, pflanzten Bäume und kehrten nach Israel zurück. Damit wiederholten sie einen Versuch vom Dezember 2024. Anfang des Jahres versprühten israelische Flugzeuge zudem Glyphosat, ein zur Vernichtung von Vegetation eingesetztes Mittel, über Ackerland im Südlibanon.

Viele Libanesen, die Aufnahmen von israelischen Siedlern im Westjordanland kennen, die palästinensische Olivenbäume zerstören und sogar Nutztiere töten, können die Parallelen nicht ignorieren. Praktiken, die seit Langem mit der Ausweitung von Siedlungen auf palästinensisches Gebiet in Verbindung gebracht werden, scheinen sich nun nach Norden auszubreiten.

Als das israelische Militär letzte Woche die erste von mehreren Zwangsräumungsanordnungen erließ, waren viele Libanesen bereits zu dem Schluss gekommen, dass diese Kampfrunde anders verlaufen würde.

 

Südlibanons einzige Verteidigung

 

Die Hisbollah sieht sich derzeit in weiten Teilen der libanesischen Öffentlichkeit Kritik ausgesetzt, weil sie nach der Ermordung des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei in den Krieg eingetreten ist. Diese Gegenreaktion sollte jedoch nicht mit dem Beginn des Zerfalls der Partei verwechselt werden. Die Grundlage ihrer Unterstützung bleibt unverändert: Südlibanon verfügt über keine konventionellen Mittel, sich gegen Israel zu verteidigen.

Theoretisch obliegt diese Rolle der libanesischen Armee. In der Praxis fehlt der Armee jedoch die Kapazität, Israel entgegenzutreten – vor allem aufgrund der seit Langem bestehenden, dramatisch asymmetrischen Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber Libanon und Israel.

Die libanesische Armee ist größtenteils von US-amerikanischer Finanzierung abhängig. Allein seit Oktober 2025 hat sie rund 190 Millionen US-Dollar an Unterstützung erhalten, nachdem die libanesische Regierung die Entwaffnung der Hisbollah zugesagt hatte. Diese Unterstützung ist jedoch nur ein Bruchteil der Militärhilfe, die Israel jährlich von den Vereinigten Staaten erhält, ganz zu schweigen von der technologischen Lücke in der Verteidigungsinfrastruktur, beispielsweise bei Raketenabwehrsystemen.

Wenn die Hisbollah Raketen auf Israel abfeuert, werden diese oft vom US-finanzierten Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen. Wenn Israel den Libanon mit amerikanischen Waffen bombardiert, gibt es keinen vergleichbaren Schutz; die USA haben lange Zeit von der Lieferung moderner Waffensysteme an den Libanon abgesehen, ironischerweise mit der Begründung, diese könnten in die Hände der Hisbollah fallen.

Die amerikanische Politik scheint somit darauf abzuzielen, die Stärkung der Hisbollah zu verhindern und gleichzeitig sicherzustellen, dass der libanesische Staat selbst niemals die militärische Kapazität erlangt, Israel herauszufordern. Aus Sicht der Hisbollah bestärkt dies jedoch nur die Behauptung der Gruppe, die libanesische Armee sei nicht in der Lage, das Land gegen Israel zu verteidigen.

Jüngste Entwicklungen haben die Wahrnehmung weiter verstärkt, dass die Hisbollah der einzige Akteur ist, der israelischen Angriffen widerstehen kann. Die Vereinigten Staaten haben sich nun Israel in einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran angeschlossen, der einen Regimewechsel durch die massive Zerstörung ziviler Infrastruktur – darunter Öldepots und eine Entsalzungsanlage – zum Ziel hat. Dies erschwert es libanesischen Regierungsvertretern erheblich, zu argumentieren, dass der Staat allein die Sicherheit seiner Bevölkerung gewährleisten kann.

Gleichzeitig greift Israel den Libanon weiterhin nahezu ungehindert an, während die libanesische Armee nicht in der Lage ist, entscheidend einzugreifen. Die Bevölkerung im Südlibanon wird im Grunde von Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika dazu aufgefordert, ihr Schicksal zu akzeptieren.

 

Israel ungehindert

 

Der Libanon ist von widersprüchlichen Erwartungen von außen geprägt. Einerseits wird ihm vermittelt, dass iranischer Einfluss auf libanesische Angelegenheiten inakzeptabel sei – eine außerhalb der Hisbollah-Basis unstrittige Position, da der Iran in weiten Teilen der libanesischen Gesellschaft unbeliebt ist. Gleichzeitig wird demselben Teil der libanesischen Gesellschaft jedoch suggeriert, dass das israelische Militär im Land nach Belieben verfahren kann.

Selbst UN-Friedenstruppen sind nicht in der Lage, israelische Operationen zu verhindern. In den vergangenen Tagen wurden UNIFIL-Stellungen von israelischen Angriffen getroffen, und israelische Streitkräfte drangen unter Verstoß gegen die Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates in libanesisches Territorium ein. (Auch der Raketenbeschuss Israels durch die Hisbollah am 2. März verstieß gegen diese Resolution.)

Die libanesische Regierung ist sich dieses Dilemmas vollkommen bewusst. Premierminister Nawaf Salam, der ehemalige Präsident des Internationalen Gerichtshofs, der den Völkermordprozess Südafrikas gegen Israel mitverantwortete, hat deutlich gemacht, dass er sich über Israels Absichten im Libanon im Klaren ist.

In einem Interview mit L’Orient Le-Jour am Wochenende sagte Salam: „Die Israelis haben Gaza zerstört, sie kolonisieren weiterhin das Westjordanland und haben Ostjerusalem annektiert. Uns bleibt jedoch keine andere Wahl als ‚Land für Frieden‘. Es gibt keine dauerhafte ‚Pax Israelica‘.“

Der Begriff „Land für Frieden“ bezieht sich auf die Resolution 242 des UN-Sicherheitsrates, die besagt, dass Frieden mit Israel erst nach dem israelischen Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten erreicht werden kann. Im Falle des Libanon liegt die entscheidende Bedingung – der israelische Rückzug – jedoch außerhalb des Einflussbereichs des Staates.

Auch kann die libanesische Regierung die Hisbollah nicht einfach zerschlagen, wie Israel es fordert. Die Hisbollah ist nicht nur eine Miliz, sondern auch eine bedeutende politische Partei mit Parlamentsabgeordneten und der Kontrolle über Dutzende von Kommunen sowie einer großen Anhängerschaft.

Im selben Interview schlug Salam einen Kompromiss vor: „Wenn die Hisbollah ihre inakzeptablen militärischen und sicherheitspolitischen Aktivitäten einstellt, haben wir kein Problem damit.“

Eine solche Unterscheidung funktioniert jedoch nur, wenn Israel sie ebenfalls akzeptiert. Solange die israelischen Angriffe andauern und israelische Streitkräfte auf libanesischem Territorium stationiert sind, wird die Hisbollah ihre bewaffnete Präsenz weiterhin als existentiell notwendig betrachten. Wie mir Justin Salhani, ein libanesischer Journalist und Gastwissenschaftler am Tahrir Institute for Middle East Policy, erklärte: „Wenn Israel die Hisbollah als eigenständige Organisation auflösen will, muss es die Bombardierungen des Libanon einstellen.“

Diese Dynamik erklärt, warum die Entwaffnung der Hisbollah noch immer nicht erfolgt ist. Schon vor der jüngsten Eskalation war es politisch schwierig, die Gruppe zur Abgabe ihrer Waffen zu bewegen. Heute ist es praktisch unmöglich.

Die Entwaffnung der Hisbollah, während israelische Streitkräfte auf libanesischem Territorium operieren, würde bedeuten, den Staat aufzufordern, eine Gruppierung aufzulösen, die nach Ansicht vieler Unterstützer – und das aus gutem Grund – Widerstand gegen einen ausländischen Besatzer leistet. Diese Rolle wäre normalerweise der libanesischen Armee vorbehalten.

Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika wirklich wollten, dass die libanesische Armee die volle Souveränität über das Land erlangt, könnten sie Israel unter Druck setzen, die Invasionen auf libanesischem Territorium zu beenden. Stattdessen dauern diese Verstöße seit Jahren an.

 

Der größte Feind der Hisbollah

 

Diese Realität hat auch die internen Kritiker der Hisbollah im Libanon geschwächt. Gegner, die die autoritären Tendenzen der Gruppe verurteilen, sehen sich mit einem simplen Gegenargument konfrontiert: Es gibt keine Alternative. Und nichts untermauert dieses Argument mehr als Israel selbst.

Deshalb habe ich Israel als den größten Feind der Hisbollah bezeichnet und umgekehrt. Für die Anhänger der Hisbollah liefert die Geschichte der Gruppe eine überzeugende Erzählung. Der israelische Rückzug aus dem Südlibanon und die anschließende Befreiung des Gebiets im Jahr 2000 sind bis heute das einzige Beispiel dafür, dass eine arabische bewaffnete Bewegung Israel zum Ende einer Besatzung gezwungen hat – etwas, das militanten Gruppen in Ägypten, Syrien und Palästina nicht gelungen ist.

Die Ereignisse im benachbarten Syrien haben diese Erzählung zusätzlich bestärkt. Nach dem Sturz der Regierung Assad im Dezember 2024 rückte die israelische Armee rasch in die entmilitarisierte Pufferzone im Südwesten Syriens vor, die sie bis heute besetzt hält. Israelische Streitkräfte begannen zudem eine Kampagne massiver Bombardierungen, um große Teile der verbliebenen syrischen Militärinfrastruktur zu zerstören, und erklärten das israelisch-syrische Abkommen über den Truppenrückzug von 1974 für ungültig.

Die Pufferzone grenzt an die Golanhöhen – syrisches Gebiet, das Israel seit 1967 besetzt hält und 1981 formell annektierte (ein Schritt, der von der internationalen Gemeinschaft weitgehend nicht anerkannt wurde). Für die Anhänger der Hisbollah bestärkt diese Entwicklung nur die Annahme, dass Ähnliches im Libanon geschehen könnte, dass Israel territoriale Abkommen nicht zuverlässig einhält und dass militärische Gewalt die einzige Sprache ist, die es respektiert.

Dies ist der Elefant im Raum, wenn es um das Konzept „Land für Frieden“ geht. Befürworter könnten Israels Rückzug von der ägyptischen Sinai-Halbinsel nach den Camp-David-Abkommen als Beweis dafür anführen, dass dieses Modell funktionieren kann. Doch Israels Syrienpolitik spricht eine andere Sprache.

Heute bezeichnen israelische Offizielle die Golanhöhen regelmäßig als permanentes israelisches Territorium. Das Gebiet steht schon so lange unter israelischer Kontrolle, dass Smotrich selbst in Haspin geboren wurde, einer Siedlung, die dort 1978 unter Verstoß gegen internationales Recht errichtet wurde.

Sollte es jemals zu einem Friedensabkommen mit Syrien kommen, erwarten nur wenige, dass die Golanhöhen vollständig zurückgegeben werden. Dieser Präzedenzfall bestärkt die weitverbreitete Überzeugung im Libanon, dass Israels territoriale Ambitionen und sein Streben nach totaler Vorherrschaft jedes Bekenntnis zu langfristiger regionaler Stabilität bei Weitem überwiegen.

Dennoch ist die Zukunft der Hisbollah keineswegs gesichert. Das Ausmaß der aktuellen israelischen Bombardierungen könnte die Organisation langfristig erheblich schwächen. Das Misstrauen gegenüber Israel ist im Libanon weiterhin stark, auch unter vielen politischen Gegnern der Hisbollah.

Deshalb würde selbst eine hypothetische Abrüstung die zugrunde liegenden Spannungen nicht zwangsläufig lösen. Sollten die israelischen Militäreinsätze anhalten, werden wahrscheinlich neue Formen des Widerstands entstehen. Israels 18-jährige Besetzung des Südlibanon trug maßgeblich zur Entstehung der Hisbollah bei, doch es gibt kaum Anzeichen dafür, dass die israelischen Regierungen diese Lektion gelernt haben.

 

Vom Ingenieurwesen zum Chaosmanagement

 

Die erneute Zerstörung des Libanon durch Israel führt nun zu einer humanitären Krise von einem Ausmaß, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt wurde. Gleichzeitig wächst die Angst vor internen Konflikten und möglicherweise sogar vor einem Bürgerkrieg mit Beteiligung der Hisbollah.

In diesem Kontext erscheint es naheliegend, dass Israels Ambitionen im Libanon über die Schwächung oder Zerschlagung der Hisbollah hinausgehen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief die Libanesen auf, ihr Land von der Hisbollah zu befreien. Doch für viele Libanesen ist die aktuelle Lage im Iran eine deutliche Warnung davor, was diese „Befreiung“ tatsächlich bedeutet.

Generell scheint der Völkermord im Gazastreifen eine in der Region bereits weit verbreitete Wahrnehmung verstärkt zu haben: Israel agiert als Staat, der permanent auf der Suche nach dem nächsten Krieg ist. Wie um dies zu beweisen, erklärte Naftali Bennett, Israels ehemaliger Ministerpräsident und der Mann, der nach den diesjährigen Wahlen Netanjahu ablösen will, nur eine Woche vor Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran: „Die Türkei ist der neue Iran.“

Im Iran mag Israel zwar von einem Regimewechsel sprechen, doch das impliziert einen Plan für die Zeit danach – und einen solchen Plan scheint es nicht zu geben. Dieselbe Unklarheit herrscht im Libanon. Wie mir Salhani erklärte, verfolgt Israel möglicherweise stattdessen eine Strategie der anhaltenden Instabilität. „Ich denke, Israel will einfach einen andauernden Konflikt, internen Druck und Chaos – und den libanesischen Staat so weit wie möglich zusammenbrechen sehen.“

Sollte dies tatsächlich die Strategie sein, wäre sie selbst für Israel verheerend. Ein Nachbarstaat, der von einer permanenten Krise zerrissen wird, kann niemals Sicherheit bieten. Dennoch, so Salhani, glauben viele im israelischen politischen Establishment, sie seien „am besten geeignet, dieses Chaos zu bewältigen“, und streben nach einer noch größeren regionalen Hegemonie.

Angesichts von Berichten, die nahelegen, dass Israels erneuter Krieg gegen den Libanon auch nach dem Ende der Bombardierungen des Irans fortgesetzt wird, bleibt festzuhalten: Solange Israels Verbündete dieser Strategie nicht entgegentreten, wird es keine langfristigen Friedensperspektiven in der gesamten Region geben.

 

*Freunde aus dem Libanon werden unter Pseudonymen genannt, um ihre Identität zu schützen.

 
     
  erschienen am 11. März 2026 auf > +972 MagazineArtikel  
  Elia Ayoub ist Postdoktorand und Autor. Er ist Gründer des Podcasts „The Fire These Times“ und Mitbegründer des Medienkollektivs „From the Periphery“. Er promovierte in Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt auf dem Libanon der Nachkriegszeit und gibt den regionalen Newsletter „Hauntologies“ heraus. Man findet ihn auf Bluesky, Mastodon und Instagram; seine Arbeiten sind auf eliaayoub.com archiviert.  
     
>

Die neue Normalität des Spazierengehens

<
     
  > AKTUELLE LINKS  
     
Antikrieg - Dossiers:
Syrien Israel Jemen Libyen Korea Ukraine

WikiLeaks

     
Einige Lesetips aus dem Archiv:
  Paul Craig Roberts - Die gesamte westliche Welt lebt in kognitiver Dissonanz
  Andrew J. Bacevich - Die Kunst, das Gedächtnis zu formen
  Robert Barsocchini - Israels ‚Recht sich zu verteidigen’: Ein Aggressor kann nicht in Selbstverteidigung handeln
  Jean-Paul Pougala - Die Lügen hinter dem Krieg des Westens gegen Libyen
  Ben Norton - Bericht des britischen Parlaments führt aus, wie der NATO-Krieg 2011 gegen Libyen auf Lügen basierte
  Marjorie Cohn - Menschenrechtsgeheuchel: USA kritisieren Kuba
  John V. Walsh - Warum sind Russland und China (und der Iran) vorrangige Feinde der herrschenden Elite der Vereinigten Staaten von Amerika?
  John Horgan - Warum Töten Soldaten Spaß macht 
  Jonathan Turley - Das Große Geld hinter dem Krieg: der militärisch-industrielle Komplex
  Jonathan Cook - Die vorgetäuschte Welt der Konzernmedien
  Oded Na'aman - Die Kontrollstelle
  Klaus Madersbacher - Seuchen
  Klaus Madersbacher - Hässliche Bilder
  Mark Danner - US-Folter: Stimmen von dunklen Orten
  Paul Craig Roberts - Die Neuversklavung der Völker des Westens
  Stephen Kinzer - Amerikas Staatsstreich im Schneckentempo
     
  Die Politik der Europäischen Union gegenüber Syrien ist nicht nur scheinheilig, zynisch und menschenverachtend, sie ist ein Verbrechen gegen den Frieden. Das wird etwa durch einen durchgesickerten UNO-Bericht (>>> LINK) bestätigt (von dem Sie nicht viel hören werden ...), siehe auch den vor kurzem erschienenen Bericht der US-Abgeordneten Tulsi Gabbard (LINK) und das Interview mit dem niederländischen Pater Daniel Maes (LINK)! In dem Artikel "In Syrien hungert jeder Dritte (LINK)" finden Sie neuere Informationen. Der Bericht des Welternährungsprogramms der UNO (LINK) spricht Bände und kann daher dem breiten Medienpublikum wohl auch nicht zugemutet werden. Weitere Neuigkeiten über dieses Musterstück barbarischer Politik finden Sie >>> HIER.

Das ist die Politik der Europäischen Union, die offenbar von bestimmten Interessengruppen gelenkt wird und sich aufführt wie die Vereinigte Kolonialverwaltung der europäischen Ex-Kolonialmächte. Warum unsere politischen Vertreter nicht gegen diese kranke und abwegige, für keinen vernünftigen Menschen nachvollziehbare Politik auftreten, fragen Sie diese am besten selbst!

 
> Appell der syrischen Kirchenführer im Juni 2016 (!): Die Sanktionen der Europäischen Union gegen Syrien und die Syrer sind unverzüglich aufzuheben! (LINK) <
     
  Im ARCHIV finden Sie immer interessante Artikel!  
  Die Weiterverbreitung der Texte auf dieser Website ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen!  
  <<< Inhalt