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| Krieg ist
eine politische Entscheidung, keine Unabwendbarkeit Joseph Solis-Mullen
Einer der hartnäckigsten Mythen über den Krieg besagt, dass er bisweilen unvermeidlich sei. Staaten würden von unpersönlichen historischen Kräften mitgerissen etwa durch das Mächtegleichgewicht, Bündnisverpflichtungen, ideologische Gegensätze oder den Aufstieg und Niedergang von Großmächten. Zwar könnten politische Führungspersönlichkeiten auf diesem Weg Fehler begehen, doch seien diese letztlich unerheblich, da der Ausgang durch Umstände bestimmt werde, die außerhalb ihrer Kontrolle lägen. Zwar schränkt das internationale Umfeld den Handlungsspielraum von Staatsmännern tatsächlich ein manchmal sogar erheblich , doch diese Zwänge sind keine unabänderlichen Gesetze, und Umstände treffen keine Entscheidungen. Solche falschen, aber hartnäckigen Narrative sind für die Mächtigen politisch nützlich: Der Verweis auf eine historische Notwendigkeit dient dazu, die Entscheidungen derjenigen zu rechtfertigen, die über die Macht verfügen, Kriege zu führen und zugleich ihre eigentliche Verantwortung dafür zu verschleiern, dass sie nicht anders gehandelt haben. Betrachtet man den Ausbruch von Kriegen durch die Brille des libertären Realismus, lässt sich dieser Sachverhalt besser erkennen. Dieser Ansatz verbindet das normative Bekenntnis zur individuellen Freiheit und zum Nichtangriffsprinzip mit einer Analyse im Sinne der Public-Choice-Theorie (Theorie der öffentlichen Wahl), um zu erklären, warum politische Entscheidungsträger sich für ein Eingreifen entschieden haben. Letztere ermöglicht es, den Staat nicht als einheitlichen Akteur zu begreifen, der ein objektiv bestimmbares nationales Interesse verfolgt, sondern als ein Gebilde aus Individuen, die mit einer bestimmten Anreizstruktur und verschiedenen Handlungsalternativen konfrontiert sind wobei manche dieser Optionen ihren eigenen Interessen dienen, andere hingegen nicht. Indem der Fokus auf die einzelnen Entscheidungsträger und die ihnen gegenüberstehende Entscheidungsarchitektur gelegt wird, lässt sich fragen: Wer hat die Entscheidung tatsächlich getroffen? Welche Alternativen standen zur Verfügung? Und wessen Interessen wurden damit bedient? Zwei der folgenreichsten Konflikte der Geschichte der Peloponnesische Krieg und der Erste Weltkrieg verdeutlichen den Wert dieses Ansatzes. In beiden Fällen haben strukturelle Erklärungsmodelle meist die konkreten Entscheidungen in den Schatten gestellt, die politische Auseinandersetzungen in katastrophale Kriege münden ließen. Dabei liefern innenpolitische Kalküle in beiden Fällen einen wesentlichen Erklärungsansatz dafür, warum sich die politischen Führungskräfte für eine Eskalation statt für eine Verständigung entschieden. Thukydides führte den Peloponnesischen Krieg bekanntlich auf den Machtzuwachs Athens und die daraus resultierende Furcht Spartas zurück. Dies ist bis heute eine der einflussreichsten strukturellen Erklärungen für internationale Konflikte die sogenannte Thukydides-Falle. Während Athen an Stärke gewann, wuchs in Sparta die Besorgnis; Letztendlich wurde das Verhältnis zwischen den beiden Mächten unerträglich. An dieser Darstellung ist viel Wahres. Die imperiale Expansion Athens, die konkurrierenden Interessen der beiden Bündnissysteme sowie die Forderungen der athenischen Verbündeten schufen echte Spannungsherde. Insbesondere Korinth drängte Sparta dazu, gegen Athen vorzugehen, während Auseinandersetzungen um Korkyra, Poteidaia und Megara einen ohnehin schon prekären Frieden zu destabilisieren drohten. Doch die Bedingungen zu erklären, unter denen ein Krieg möglich wurde, ist nicht dasselbe, wie zu erklären, warum er tatsächlich ausbrach. Eine Rivalität macht einen bewaffneten Konflikt keineswegs zwangsläufig. Staatsmänner müssen nach wie vor entscheiden, ob sie Kompromisse eingehen, verhandeln, drohen, mobilmachen oder in den Krieg ziehen wollen. Hier bietet Plutarchs Leben des Perikles ein wichtiges Korrektiv zu einer rein strukturellen Deutung des Kriegsausbruchs. In seiner Schilderung spielt die innenpolitische Stellung des führenden athenischen Staatsmannes eine zentrale Rolle für das Verständnis der Ursprünge des Krieges. Perikles war keineswegs ein gewöhnlicher Politiker. Er hatte den Ausbau der athenischen Macht maßgeblich vorangetrieben und verfügte über einen außergewöhnlichen Einfluss auf die demokratischen Institutionen der Stadt. Dennoch war er vor politischer Opposition nicht gefeit. Seine Vertrauten sahen sich mit Anschuldigungen und Strafverfolgungen konfrontiert darunter der umstrittene Bildhauer Phidias, der mit der Anfertigung der Athena-Statue für den Parthenon betraut worden war. Auch Aspasia, die Lebensgefährtin des Perikles, wurde der Gottlosigkeit beschuldigt, und der Philosoph Anaxagoras geriet ebenfalls ins Visier der Feindseligkeiten, die sich gegen den politischen Kreis um Perikles richteten. Plutarch verknüpft diese Kontroversen mit der Konfrontation mit Sparta konkret durch die Weigerung des Perikles, das Megarische Dekret aufzuheben. Dieses Dekret, das bei der athenischen Bevölkerung sehr populär war, schloss Kaufleute aus Megara von der Agora in Athen sowie von Häfen innerhalb des athenischen Einflussbereichs aus. Es entwickelte sich zu einem zentralen Streitpunkt für Spartas Verbündete und zählte zu den Konflikten, die den Ausbruch des Krieges begleiteten. Auffallend ist, dass Plutarch die Details dieses gegen Perikles gerichteten Verfahrens den gängigen Erklärungsmodellen für den unvermeidlichen Ausbruch des Krieges gegenüberstellt wobei er Letztere abtut und stattdessen jenem Motiv den größten Glauben schenkt, das er als das schlimmste von allen bezeichnet und das zudem von den meisten Zeugen bestätigt werde. Dieser Darstellung zufolge befand sich Perikles in einer politischen Zwangslage: Die strafrechtliche Verfolgung seiner Vertrauten drohte auch seine eigene Amtsführung zu belasten, während weitere Zugeständnisse an Sparta ihn als schwach hätten erscheinen lassen können. Eine außenpolitische Konfrontation bot die Gelegenheit, die öffentliche Aufmerksamkeit umzulenken und seine Unentbehrlichkeit für Athen unter Beweis zu stellen. Ein ähnlicher analytischer Fehler findet sich in den gängigen Erklärungen für den Eintritt Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg. Die übliche Darstellung verweist auf den deutschen Militarismus, das europäische Mächtegleichgewicht, die Entente mit Frankreich und Russland sowie den deutschen Einmarsch in Belgien. All diese Faktoren sind von Bedeutung. Dennoch entbinden sie nicht von der Notwendigkeit zu erklären, warum die britische Führung ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt den Weg der Intervention wählte. Großbritannien wurde im Juli 1914 nicht von Deutschland angegriffen. Die Beziehungen zu Frankreich basierten auf Absprachen, militärischen Gesprächen und strategischer Zusammenarbeit nicht aber auf einem eindeutigen Vertrag, der Großbritannien zum Eintritt in einen kontinentalen Krieg verpflichtet hätte. Der Londoner Vertrag von 1839, den Großbritannien mitunterzeichnet hatte und der die Neutralität Belgiens garantierte, lieferte nach dem deutschen Einmarsch in Belgien eine wichtige rechtliche und politische Rechtfertigungsgrundlage für ein Eingreifen. Der Vertrag sah jedoch keinen automatischen Kriegseintritt Großbritanniens zur Wahrung der belgischen Neutralität vor; und ob eine Intervention allein deshalb gerechtfertigt war, weil Deutschland die belgische Neutralität verletzte, ist eine gesonderte Frage, die hier zunächst zurückgestellt werden kann. Die dringendere Frage lautet: Warum entschied sich die britische Regierung für eine Intervention trotz tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kabinetts, mangelnder Unterstützung durch die parlamentarische Mehrheit und ohne dass es in der Bevölkerung einen nennenswerten Ruf nach Krieg gegeben hätte? Der innenpolitische Kontext verdient weitaus mehr Aufmerksamkeit, als ihm üblicherweise zuteilwird; er bietet einen entscheidenden Einblick in jene politischen Faktoren, die den Entscheidungsprozess der führenden britischen Liberalen maßgeblich beeinflussten. Bis zum Sommer 1914 hatte die liberale Regierung unter Premierminister Herbert Asquith bereits eine Verfassungskrise überstanden ausgelöst durch die Verabschiedung des Gesetzes zur irischen Selbstverwaltung (Home Rule), die gegen den Widerstand des House of Lords durchgesetzt worden war. Nun drohte die Umsetzung dieses Gesetzes, Asquith und seine Partei zu Fall zu bringen. Angesichts der Aussicht auf eine irische Selbstverwaltung organisierten sich die Ulster-Unionisten, die eine Unterstellung unter eine in Dublin ansässige Verwaltung entschieden ablehnten, in einer bewaffneten Bewegung. Als Reaktion darauf mobilisierten sich die irischen Nationalisten. Die Gefahr eines Bürgerkriegs war real, und die Autorität der Regierung war schwer erschüttert. Tatsächlich hatte der Curragh-Zwischenfall im März 1914 die Grenzen dieser Autorität offengelegt: Britische Offiziere mehrheitlich konservativ eingestellt und Gegner der irischen Selbstverwaltung signalisierten, dass sie nicht bereit seien, die Home Rule gegen den Widerstand der Ulster-Unionisten durchzusetzen. Dies zwang die Regierung zu einem peinlichen Rückzug und warf grundlegende Fragen zur zivilen Kontrolle über das Militär auf. Es wurde deutlich, dass eine Durchsetzung der Home Rule den Einsatz der ohnehin kleinen britischen Armee in Irland erfordern würde. Als die Konferenz im Buckingham Palace scheiterte, eine Lösung für die irische Frage zu finden, geschah dies vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Julikrise auf dem europäischen Festland. Während sich also die europäische Krise entfaltete, sah sich Asquiths Regierung mit einer potenziell explosiven innenpolitischen Konfrontation und einer sich rapide verschlechternden internationalen Lage konfrontiert. Der Krieg bot der liberalen Regierung die Möglichkeit, den Konflikt um Irland aufzuschieben, die politische Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken und an der Macht zu bleiben. Die Konservativen ihrerseits waren einem Krieg gegenüber aufgeschlossen selbst wenn dies bedeutete, Asquith zu unterstützen. Denn da nur eine einzige, kleine Armee zur Verfügung stand, konnte diese entweder in Irland zur Durchsetzung der Home Rule oder auf dem Kontinent zur Unterstützung der Entente eingesetzt werden beides zugleich war nicht möglich. Der Krieg sicherte Asquith sogar die Kooperation der irischen Nationalisten im Parlament: Am 3. August, einen Tag bevor Asquiths Regierung Deutschland den Krieg erklärte, bot John Redmond, der Vorsitzende der Irish Parliamentary Party, seine Unterstützung bei der Verteidigung Irlands an, solange die Krise andauerte. Das Gesetz zur irischen Selbstverwaltung wurde daraufhin für die Dauer des Krieges ausgesetzt. Diese Entwicklungen beweisen nicht, dass Asquith in den Krieg eintrat, nur um der irischen Krise zu entkommen. Doch so viel müssen wir gar nicht beweisen: Die irische Frage musste nicht die alleinige Ursache für ein Eingreifen sein, um dennoch einen bedeutenden womöglich sogar den wichtigsten Einfluss auf die Entscheidungen der führenden Regierungsvertreter auszuüben. Die entscheidende Frage ist, ob die Aussicht, innenpolitische Konflikte aufzuschieben, den politischen Rückhalt zu festigen und die eigene Regierungsposition zu wahren, die Art und Weise beeinflusste, wie die Verantwortlichen die ihnen zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen bewerteten. Der libertäre Realist lehnt daher Erklärungsansätze ab, die ein britisches Eingreifen als zwangsläufigen Ausdruck eines abstrakten, losgelösten nationalen Interesses begreifen. Großbritannien war keine Person, und die liberale Regierung war es ebenso wenig. Asquith, Außenminister Edward Grey, die antideutsche Clique im Foreign Office (der man einen eigenen Artikel über die Ursachen des Ersten Weltkriegs widmen könnte) sowie weitere Minister sahen sich jeweils unterschiedlichen politischen Anreizen gegenüber und waren sich über das richtige Vorgehen uneinig. Ihre Entscheidung zur Intervention muss aus dem Handeln dieser Individuen und der Institutionen, in denen sie agierten, erklärt werden nicht allein durch die strategische Lage des Britischen Weltreichs. Interessanterweise
begründet weder die aufrichtige Überzeugung des
Perikles, dass eine Konfrontation der Sicherheit Athens
diene, noch die aufrichtige Auffassung britischer
Minister, dass ein Eingreifen die europäische
Stabilität bewahren würde, für sich genommen einen
moralischen Anspruch darauf, Krieg zu führen. Denn der
Einsatz von Gewalt bedarf einer Rechtfertigung. Ein Staat
erwirbt nicht allein dadurch das Recht zur
Gewaltanwendung, dass seine Führung glaubt, ein
Eingreifen sei strategisch vorteilhaft, das eigene
Prestige stehe auf dem Spiel oder die wachsende Macht
eines Rivalen sei beunruhigend. Verteidigung gegen
Aggression unterscheidet sich moralisch grundlegend von
einer Intervention, die darauf abzielt, den eigenen
Einfluss zu sichern oder eine bestimmte politische
Ordnung durchzusetzen. Dies bedeutet keineswegs, dass internationale Strukturen irrelevant wären, dass politische Entscheidungsträger völlig frei von Zwängen agierten oder dass sich alles allein durch persönliche Motive erklären ließe. Es ist vielmehr ein Plädoyer dagegen, solche Faktoren als Ersatz für eine fundierte politische Analyse zu betrachten. Die Aufgabe des libertären Realisten besteht nicht nur darin, die Bedingungen zu benennen, unter denen ein Krieg möglich wurde, sondern zu erklären, warum sich bestimmte Akteure für den Krieg entschieden, obwohl Alternativen zur Verfügung standen. Diese Unterscheidung ist weit über die historische Betrachtung des antiken Griechenlands oder des edwardianischen Großbritanniens hinaus von Bedeutung. Auch heute stellen politische Führungskräfte drohende Konflikte regelmäßig als unvermeidlich dar sei es aufgrund von Großmachtrivalitäten, Bündnisverpflichtungen oder der Notwendigkeit, die nationale Glaubwürdigkeit zu wahren. Solche Behauptungen sollten mit Skepsis betrachtet werden. Sie können bereits getroffene Entscheidungen verschleiern, die Interessen verbergen, denen eine Eskalation dient, und die Öffentlichkeit darauf vorbereiten, einen Krieg zu akzeptieren, gegen den sie sich andernfalls möglicherweise gewehrt hätte. Kriege entstehen nicht durch Abstraktionen. Sie werden von Menschen geführt und wer sich für den Krieg entscheidet, muss auch für dessen Folgen zur Rechenschaft gezogen werden. |
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| erschienen am 22. Oktober 2026 auf > The LIBERTARIAN INSTITUTE > Artikel | |||
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